Gemeindechronik

Die folgende Gemeindechronik wurde zum 175. Jubiläum der Gemeinde Köln-Bonn-Aachen am 12. Juli 2026 von Pfarrvikar Benjamin Schütze verfasst. Der Text wurde durch Irene Pawassar auf der Gemeindefeier in Köln vorgetragen (siehe dazu das Banner für die Einladung).

Der untere Text gibt die vollständige Festrede wieder. Alternativ können Sie diese Chronik unserer Gemeinde auch hier als PDF-Datei herunterladen.


Gemeindechronik zum 175. Jubiläum der Gemeinde Köln-Bonn-Aachen am 12. Juli 2026
(verfasst von Pfarrvikar Benjamin Schütze)1

Liebe Festgemeinde,

heute feiern wir das 175. Jubiläum unserer Gemeinde! Was bedeutet das? Wir werden heute eine Reise zurück bis das Jahr 1851 antreten.

Aber: Ist es aber überhaupt richtig und angemessen, dieses Jahr als das Entstehungsjahr unserer Gemeinde zu nennen?
Die Antwort hängt davon ab, worauf wir unseren Blick richten.

Wenn wir nach den ersten Christen in unserer Region fragen, müssen wir noch viele weitere Jahrhunderte zurückreisen. Denn bereits seit dem 2. und 3. Jahrhundert werden in Köln und Umgebung christliche Gottesdienste gefeiert. Das Evangelium ist hier also schon seit sehr langer Zeit verkündigt worden.

Wenn wir nach den ersten Lutheranern fragen, dann können wir darauf verweisen, dass Luther selbst – allerdings vor der Reformation – im Mai 1512 in Köln war, und dass die von ihm neu aufgedeckte Evangeliumsbotschaft schon zu Beginn der Reformation auf offene Ohren und Herzen stieß.

Schon kurz nach 1520 bekannten sich Menschen auch im Rheinland zu Martin Luther und zur neu aufgedeckten Botschaft der Rechtfertigung von Sündern allein aus Gnade.

Es gab sogar eine Zeit, da schien es, als würde Köln lutherisch werden. Der Erzbischof Hermann von Wied lud unter anderem Philipp Melanchthon, einen der wichtigsten Mitarbeiter Luthers, nach Bonn ein und führte offiziell die Reformation ein.

Aus politischen Gründen wurde er allerdings abgesetzt, und konsequent eine Gegenreformation durchgesetzt. Den Evangelischen wurde das Wohn- und Bürgerrecht in Köln und Bonn abgesprochen, das heißt: Wer evangelisch war, durfte in Köln und Bonn weder wohnen, noch arbeiten.
Erst 300 Jahre später konnte sich im Kölner Raum eine lutherische Kirche etablieren.
Um das zu verstehen müssen wir den größeren Kontext betrachten.

Bis zu Napoleon war es in Köln verboten, als Lutheraner – oder eigentlich überhaupt als nicht römischer Katholik – zu leben oder zu arbeiten. Die wenigen Lutheraner, die es Anfang des 19. Jahrhunderts gab, waren illegal lutherisch.
Erst die Franzosen setzen auch in Köln die Religionsfreiheit durch. Der Kölner Bürgermeister Dumont wollte dieses verweigern, aber der französische General Hoche weist ihn zurecht:
„Ihr seid intolerante Leute, ich werde … deswegen unnachgiebig sein.“2 So viel zur Kölner Toleranz.

Nach der kurzen Herrschaft der Franzosen geriet das Rheinland in den Herrschaftsbereich der Preußen. Schon bevor im Kernland Preußens die Union zwischen Lutheranern und Reformierten – zum Teil mit militärischer Gewalt – staatlich durchgesetzt wurde, wurden die wenigen reformierten und lutherischen Gemeinden im Rheinland organisatorisch vereinigt. Der Vollzug der Union in Preußen 300 Jahre nach der Reformation beendete die Geschichte der lutherischen Gemeinden, die zuvor im Untergrund bestanden hatten und dann von den Franzosen toleriert worden waren.

Diese Vorgeschichte bildet die Basis für die Geschichte unserer Gemeinde.

Wir feiern das 175. Jubiläum unserer Gemeinde, damit blicken wir auf das Jahr 1851 zurück.

Der Anfang unserer Gemeinde ist vor allem mit einer Person verbunden und zwar mit August Wilhelm Riemer. Im Jahr 1841 siedelt der Kaufmann aus dem fränkischen, und damit lutherischen Nürnberg, nach Köln über.

Hier in Köln findet er zwar evangelische, aber keine lutherische Kirche vor. Die Kirche, auf die er hier trifft, ist uniert und reformiert geprägt. Er erkennt in der Auffassung von Heiligem Abendmahl und Gottesdienst gravierende Differenzen zu der ihm vertrauten lutherischen Kirche; dies kann er nicht mit seinem Gewissen vereinbaren.
Riemer tritt in Kontakt mit dem lutherischen Pfarrer Wilhelm Löhe, einem bedeutenden Vertreter der lutherischen Kirche, Mission und Diakonie im 19. Jahrhundert, und spricht mit diesem über seine Gewissensbisse, im Rheinland zum Abendmahl zu gehen.

Löhe bringt Riemer in Kontakt mit Pfarrer Wermelskirch, dem 1. lutherischen Pfarrer von Köln. Allerdings lebt Pfarrer Wermelskirch nicht in Köln, sondern in Erfurt, und bedient von dort Riemer und die anderen Lutheraner, die sich in Köln sowie auch in Düsseldorf und Essen zusammenfinden.

Riemer war 1845 aus der unierten Landeskirche aus- und in die Evangelisch-Lutherische Kirche in Altpreußen eingetreten. Er lud zur Gottesdienstfeier in sein Wohnzimmer ein. Die meisten Gottesdienste leitete er als Lektor.
Nur zu wenigen Gottesdiensten konnten Pfarrer kommen, und mit der kleinen, aber wachsenden Gemeinde auch das Heilige Abendmahl feiern. Die ersten Eintragungen im Taufregister unserer Gemeinde stammen aus dem Jahr 1847.

1848 zählte die Hausgemeinde schon über 60 Gemeindeglieder. Darunter waren auch damals schon Lutheraner aus Bonn. Schon von Anfang an war die Gemeinde mehr als nur eine Kölner Gemeinde, sie war schon immer eine Gemeinde für die ganze Region.

Es ist beachtenswert: Die Gemeinde in Köln und auch andere Gemeinden im Rheinland, wie Düsseldorf und Essen, sind nicht auf die Initiative von Pfarrern zurückzuführen. Es sind vielmehr von tiefem Glauben durchdrungene Privatpersonen wie der Kaufmann Riemer, denen das lutherische Bekenntnis von so großer Bedeutung war, dass es ihnen nicht möglich war, in der unierten Landeskirche zu bleiben. So investierten sie viel Zeit, Geld und Mühen, damit sie lutherische Gottesdienste feiern konnten.
Sie erkannten in der lutherischen Lehre die Botschaft der Heiligen Schrift wieder und wollten dieser folgen, auch wenn die Opfer, die sie dafür erbringen mussten, erheblich waren.

Am 8. August 1851 erhält die junge Gemeinde, zu der nicht nur Köln, sondern auch Düsseldorf gehört, schließlich die Korporationsrechte, und damit zumindest zum Teil eine staatliche Anerkennung.
Währenddessen wächst die Gemeinde weiter und das Wohnzimmer Riemers wird zu klein, sodass die Gemeinde in die St. Stephanskirche umzieht. Interessant ist hierbei, dass in diesem Gottesdienstraum ein Beichtstuhl stand, wie selbstverständlich im Kirchenblatt berichtet wird.
Mit der Einweihung und Ingebrauchnahme dieser Kirche beginnt der Prediger auch wieder ein weißes Chorhemd zu tragen, wie es einige Jahrzehnte früher schon gängige Praxis gewesen war.

Im Jahr 1879 wird erstmals Bonn (Godesberg) als Predigtort im Evangelisch-Lutherischen Wochenblatt erwähnt.

Ein Höhepunkt der Geschichte unserer Gemeinde ist sicherlich die Einweihung der neugotischen Kirche am Pantaleonswall im Jahr 1900 – der sogenannte „Kleine Kölner Dom“.


Mit der eigenen Kirche war ein lang gehegter Wunsch erfüllt werden. Gleichzeitig wuchs die Gemeinde auch mit ihren Predigtorten weiter – in Godesberg, Rossenbach, Neuenhähnen und Apenhagen. 1906 hat die Gemeinde 279 Gemeindeglieder.

Aber auf diesen Höhepunkt folgte schon bald das dunkelste Kapitel unserer Gemeindegeschichte.
Die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft erschwerte das Gemeindeleben. Sonntagsmorgens wurden nationalsozialistische Organisationsmitglieder zu wöchentlichen politischen Schulungen verpflichtet. Während der Gottesdienstzeit marschierten Trupps der NSDAP mit lauter Marschmusik und Gegröle von Kampfliedern an der Kirche vorbei, und unterließen dies auch nicht als die Gemeinde um Rücksichtnahme bat.

Noch schwerer traf die Gemeinde der Zweite Weltkrieg. Am 31. Mai 1942 fiel die Kirche am Pantaleonswall den Bomben zum Opfer und wurde fast vollständig zerstört.
Nur die Taufschale konnte vom Kirchenvorsteher Brono Schlauch aus den Trümmern der zerstörten Kirche gerettet werden und wurde so zu einem bemerkenswerten Zeichen: Häuser, Städte und auch Kirchen können zerstört werden, aber was bleibt ist das Geschenk, das Gott uns in der Taufe gemacht hat, dass wir Seine Kinder sind. Kein Feuer, keine Bombe, nichts kann uns dieses Geschenk nehmen.
Nach dem Krieg begann nahezu alles von vorn.

Pfarrer Koepsell wird 1945 mit dem Wiederaufbau der zerstreuten Kölner Gemeinde beauftragt. Mit Ehefrau Gertrud und den beiden Söhnen, Karl-Bernhardt und Rolf-Dieter bewohnen sie als Untermieter zwei kleine Zimmer, die auch als Notpfarramt dienen müssen.
Wie 100 Jahre vor ihm August Riemer, so sammelt Koepsell nach dem Zweiten Weltkrieg die zerstreuten Lutheraner, und wie 100 Jahre vorher werden die Gottesdienste zunächst im Wohnzimmer gefeiert.
Es bilden sich zahlreiche Predigtorte, insgesamt 13 an der Zahl, mit bis zu 1.100 Lutheranern.

In Bonn Godesberg trifft man sich zum Gottesdienst in einem Kindergarten. Im Flüchtlingslager, in dem zahlreiche Flüchtlinge aus den lutherischen Gebieten im Osten Deutschlands lebten, wird zu den Gottesdiensten eingeladen, und viele dieser Flüchtlinge folgen dieser Einladung.
Interessant ist, dass in den Nachkriegsjahren auch hauptamtliche Diakone in der Gemeinde mithalfen, vor allem im Bonner Gemeindeteil, und Lektorengottesdienste, Konfirmandenunterrichte sowie Kindergottesdienste leiteten und Besuchsdienste tätigten.

Während der Amtszeiten von Pfr. Koepsell und Pfr. Otto unterstützen auch ehrenamtliche Frauen die Gemeindearbeit in der Verwaltung.

Später trifft sich der Bonner Gemeindeteil zum Gottesdienst eine Zeitlang in der Amerikanischen Botschaftskirche, die allerdings schlecht gelegen ist, und dann von 1953 bis zur Jahrtausendwende in der Altkatholischen Seminarkapelle.

2003 schließlich konnte nach einem Umbau die Holzkirche St. Markus, als erste eigene Kirche im Bonner Gemeindeteil, in Gebrauch genommen werden.

Zur Einweihung schenkte der ehemalige Pfarrer der römisch-katholischen Gemeinde, der die Holzkirche zuvor gehört hatte, unserer Gemeinde eine wertvolle Taufschale als Zeichen ökumenischer Verbundenheit.

Die Taufschale führt uns auch wieder zurück zur St. Johannis-Kirche in Köln, die 1952 an gleicher Stelle wiedererrichtet wurde.

Besonders ergreifend ist, dass die aus den Trümmern der zerstörten Kirche geborgene Taufschale, hier in den neuen Taufstein eingearbeitet wurde.

Außenansicht der St. Johannis-Kirche in Köln

1988 wird die Kölner Kirche renoviert und eine neue Apsis mit großem Buntglasfenster eingebaut. 2014 wird eine neue Orgel eingeweiht.

Neben Köln und Bonn bestanden für längere Zeit noch die Predigtorte in Siegburg, Opladen, und bis vor nicht langer Zeit auch noch in Aachen.

Es gäbe noch vieles mehr über die Geschichte der Gemeinde zu berichten, über die Aktivitäten der Gemeinde über die Gottesdienste hinaus, aus dem Jugendkreis und von Fahrten vor allem mit Pfr. Otto, nicht zu vergessen die gemeinsamen Adventsfeiern in St. Bruno…

Vor allem nicht zu vergessen: die vielen Menschen, die sich mit viel Kraft und Einsatz in und für unsere Gemeinde eingebracht haben, denn unsere Geschichte ist eigentlich keine Geschichte von Gebäuden, sondern vor allem eine von Menschen, die Gott als Seine Kinder angenommen hat. Und so vielfältig diese Menschen in unserer Gemeinde waren und sind, so facettenreich ist auch die Geschichte unserer Gemeinde.

Die letzten 175 Jahre waren sehr bewegt mit vielen Veränderungen. Eines ist aber stets geblieben:

In diesen vielen Jahren sind in hier immer Menschen zusammengekommen, um Gottes Wort zu hören, um ihre Kinder taufen zu lassen oder selbst getauft zu werden, um die Vergebung ihrer Sünden zugesprochen zu bekommen und um Christi wahren Leib und Blut zur Vergebung der Sünde im Heiligen Abendmahl zu empfangen.

Vor allem ist die Geschichte unserer Gemeinde aber die Geschichte Gottes, der unserer Gemeinde über 175 Jahre Seinen Segen gegeben hat. Der uns durch schwere, aber auch gute Zeiten hindurchgeführt hat, der uns immer wieder neu beschenkt mit Seinen Gnadengaben. ER ist uns treu geblieben und wir haben Sein Versprechen, dass ER uns treu bleiben wird. Möge ER uns und kommenden Generationen in unserer Gemeinde weiterhin eine geistliche Heimat schenken, in der Sein Wort recht verkündigt und Seine Sakramente Seinen Einsetzungen entsprechend verwaltet werden. Möge ER all unserer Arbeit Seinen Segen geben und uns, und noch viele Menschen durch Seine Gnade zum Ewigen Leben führen.


Zitate:
1) Diese Chronik basiert auf Georg Zimmermann: Auf dem Weg. Werdegang der Evangelisch-Lutherischen St. Johannis-Gemeinde Köln–Bonn–Aachen, Berichte und Streifzüge, sowie auf Hans Lochmann/Peter Lochman: Aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche am Niederrhein.

2) Zit. n. Lochmann: aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche am Niederrhein, S. 34.